„In einer Zeit von zwänglerischem Sportwahn und anorektischen Schönheitsidealen sind Übergewichtige heute als beinahe rassistisch zu nennenden Vorurteilen ausgesetzt". ( Prof. Michael Hiesmeyr, Universität Wien ). Wir sind doch alle davon überzeugt, dass Übergewicht (Fettsucht, oder lateinisch Adipositas, oder amerikanisch Obesity ) im Erkrankungsfalle von Nachteil, wenn nicht gar eine Katastrophe ist. Nun zeigen aber jüngste Untersuchungen an Intensiv- und Dialysepatienten, dass Übergewicht keineswegs mit einer erhöhten Komplikationsrate oder einer erhöhten Sterblichkeit einhergeht (Akt. Ernähr. Med. 2005/ 30).
Lediglich bei Patienten mit einem Body Mass Index (BMI = Körpergewicht in kg/Quadrat der Körperlänge in m ) von > 40 war dies der Fall. Aber auch ein BMI < 25 zeigte sich als Risikofaktor hinsichtlich des Auftretens von Komplikationen und erhöhter Sterblichkeit.Dieses epidemiologische Faktum wird als „ reverse epidemiology" bezeichnet, weil es den Erwartungen widerspricht. Dieses Phänomen wurde auch bei anderen Krankheitsgruppen, z.B. bei Bluthochdruck, gefunden, über die in der Bevölkerung auch die Meinung besteht, dass Übergewicht die Genesungsprognose verschlechtert.
Interessant sind die schlechteren Genesungsergebnisse (Outcome) bei untergewichtigen Patienten. Offenbar war dieses Untergewicht bereits im Vorfeld des Ausbruchs der Krankheit, also schon als Teil der Erkrankung, entstanden, wobei dagegen das stabile Übergewicht darauf hindeuten kann, dass bei diesen Patienten ein solcher krankhafter Gewichtswechsel nicht stattgefunden hat.Hier entsteht eine spannende Frage: Ist denn Übergewicht für sich überhaupt ein Risikofaktor für das „ outcome" bei Erkrankungen und Operationen und damit auch Bestandteil einer Risikobewertung nach einer Polymorbiditätsliste (Risikobewertung nach der Anzahl und Schwere der Nebenerkrankungen)? Es gibt, wie wir sehen, einige Anlässe, darüber nachzudenken.
Nun zu gesicherten Erkenntnissen. Übergewicht über eine längere Zeit macht krank: gesichert für Diabetes, Bluthochdruck, Schäden am Binde -und Stützapparat. Übergewicht für sich ist noch keine Krankheit, mit der Ausnahme, dass eine so genannte „ morbide obesity" solch eine dramatische Entwicklung der Nachfolgeerkrankungen erzeugt, die den baldigen Tod zur Folge hat. Trotzdem kann ein moderates Übergewicht im Krankheitsfall von nutzen sein, während Untergewicht nicht unbedingt bessere Chancen signalisiert.
Was bleibt? Ein trainierter Dicker hat bessere Chancen als ein untrainierter Dünner. Entwickeln wir über diese Erkenntnis hinaus noch ein bisschen mehr ästhetische Selbstverständlichkeit, so haben wir ein paar Freunde dazu gewonnen.
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